ATTACK -- Zuschauerbericht
Ein Zuschauer berichtet:"Ich sitze gemütlich und entspannt im Gespräch mit Freunden in den riesigen Räumlichkeiten der Werkbar im KPO.
Die allmählich lauter werdende Trommel aus den Lautsprechern nehme ich zuerst gar nicht war. Aber schließlich beherrscht mich das rhythmische Stampfen, zusammen mit einem aufreizenden Unterton, mehr und mehr. Die Gespräche versiegen, eine Spannung, eine vage Erwartungshaltung stellt sich ein. Nach weiteren zehn, fünfzehn Minuten ist der sound so zwingend und beherrschend, daß ich nicht mehr sitzen kann. Wie fortgezogen bewege ich mich mit den vielen anderen Gästen zu dem leeren Viereck vor einer weißen Wand. Was erzeugt diese unerwartete innere Anspannung? Der Künstler tritt ins Viereck.
Die ruhigen Bewegungen, mit denen er seinen Auftritt vorbereitet, stehen im völligen Gegensatz zu meinem Aufgeregtsein. Zusätzlich zu den harten elektronischen Tönen bearbeitet der soundworker Merdzo eine Stahltrommel mit zwei Holzschlegeln. Der sound ist jetzt das Medium, das mich tranceähnlich umschließt. Die erste der schweren Metallspitzen wird aufgenommen und mit der Kraft, Bewegungsenergie und Geschicklichkeit, vergleichbar mit der eines olympischen Werfers, gegen die Wand geschleudert. Die Spitze bleibt in dieser schönen, unversehrten Wand stecken. Das macht man doch nicht! Ein zweites Tabu: ein menschlicher Körper wurde durchbohrt.
Genauer: sein elektronisches Abbild, welches live auf die Wand projeziert wird, mittels einer Miniaturkamera, die an der Hand von Mark Huebner montiert ist.
Ein gemeinsamer, zustimmender Schrei aus dem Publikum. Die Spannung hat sich gelöst, einen Ausweg gefunden.
Ich bemerke irritiert, daß mir die Knie zittern, ohne daß ich es verhindern kann.
Die weiteren Würfe hinein in immer neue Bilder von Menschen, die um mich versammelt sind, bringen mehr und mehr Klarheit in meine Empfindungen.
Hier findet etwas statt, in unglaublich verkürzter und ästhetisierter Form, was ständig um mich ist, in unendlichen Verkleidungen: Zerstörung und Schöpfung, Aggression und Befriedung, Schönheit und Häßlichkeit, Tod und Leben. Nach dem letzten von neun Würfen werden alle Bilder nochmals aus der Perspektive der Wand gezeigt.
Meine Ruhe kehrt wieder zurück, an Filmbilder bin ich gewöhnt, an ihre Abstraktheit, an ihre Ferne. Aber es bleibt ein seltsamer Eindruck, eine Aufgewühltheit und gleichzeitig Befriedung, Nachdenklichkeit. Ich gehe nicht mehr zu meiner Gesprächsecke zurück."
(Z)