von Thomas Elsen
Star Tickets ist eine der neuen Arbeiten Cristina Barrosos betitelt.
In einer Reihe von acht fast miniaturhaft kleinformatigen, querrechteckigen Bildtafeln erscheinen auf leuchtend blauem Farbgrund schematische Sternenkonstellationen und deren Namen: Perseus, Cetus, Auriga, Camelo-Pardalis oder Lepus ist da zu lesen.
[Star Tickets · 1998 · Acryl auf Tickets · 8,5 x 170 cm]
Darunter schimmert vage, aber noch deutlich lesbar Kleingedrucktes durch -- München, Stuttgart, Augsburg, São Paulo. Es sind benützte Bahn- und Flugtickets der Künstlerin, Spuren ihrer Annäherung und Bewegung von Ort zu Ort, die hier als Bildträger dienen und einen Dialog mit den auf sie projizierten Himmelskarten führen.
In dieser kleinen, eher intimen Arbeit ist ein großer Teil der künstlerischen Substanz enthalten, die für viele der Arbeiten Cristina Barrosos kennzeichnend ist.
Die Welt erscheint in ihnen als eine immer wieder neu entworfene Projektion, die Projektion als Ergebnis eines kartographischen Plans, der Plan als Auslöser einer stets wandernden Phantasie. Das Wandern zwischen den Welten, das Cristina Barroso als eine kulturelle Nomadin des ausgehenden 20. Jahrhunderts beständig praktiziert, bleibt in ihrer Kunst stets Thema und Methode. Es ist dabei weniger das Reisen im Sinne bloßer Mobilität, als das Bewußtsein, stets auf der Reise zu sein, das für sie eine fundamentale Lebensfunktion und zugleich vitale Bedingung ihres persönlichen Kunstentwurfs bedeutet. Star Tickets ist Symbol und Vehikel dafür.Den Vorgang des Malens vollzieht Cristina Barroso als Analogie zur Bewegung als universales Lebensprinzip, als Sinnbild für eine bewegte, sich kontinuierlich verändernde Welt. Das immer wieder neue Registrieren, Miterleben, Aufzeichnen und Mitbewegen dieses Wandels bedeutet für sie im Kern schon künstlerische Arbeit.
Geradezu selbstverständlich unterzieht sie sich im Zeitalter von Internet und zunehmender globaler Vernetzung dem von manchen gern als "überflüssig" proklamierten Ortswechsel.
Der Maxime der bloßen medialen Vernetzung stellt sie weiterhin die Kommunikation durch Begegnung, durch persönliche Präsenz, gegenüber: In ihrer künstlerischen Produktion kommt es daher maßgeblich nicht nur auf den Standpunkt, sondern eben ganz entscheidend auch auf den je konkreten Standort an, den sie sich sehr bewußt wählt. Er wirkt formbildend, prägend, bereichernd und klärt immer wieder aufs neue die eigene - kosmopolitische - Situation.Deutlich wird dies in einer räumlich sehr präzise positionierten Gegenüberstellung zweier ihrer jüngsten Arbeiten, Schatten und São Paulo, innerhalb der Ausstellungssituation des Höhmann-Hauses. Die erstgenannte Arbeit zeigt eine monumentale Wandzeichnung aus Schellack und Graphit, deren Untergrund ein (von Vermessungsingenieuren) auf Pergament gezeichneter Stadtplan der Augsburger Innenstadt ist. Dieser Zeichnung steht São Paulo, die Geburtsstadt der Künstlerin, als ein kleiner Würfel - ebenfalls ein malerisch durch sie überarbeiteter Stadtplan - gegenüber. Die Größenverhältnisse sind hier verkehrt worden, das vergleichsweise kleine Augsburg erscheint in gewaltigen Dimensionen, die brasilianische Metropole dagegen fast winzig - wie eine zwar klare, aber weit entfernte Erinnerung. Es ist nicht die tatsächliche Größe, als vielmehr die Anwesenheit am tatsächlichen Ort, welche Dimension und Bedeutung bestimmen: Die akute, oftmals wechselnde Ortsbezogenheit wird so zur je aktuellen Identität. Angestammte Identität und Herkunft sind immer mit im Gepäck,wenngleich sie, wie anhand des wechselseitigen Bezuges jener beiden Arbeiten sehr klar ersichtlich ist, oft nur noch als parabelhaft unterschwelliger Verweis spürbar bleiben. Längst hat die Künstlerin sich vom Ort ihrer Herkunft entfernt, ohne sich doch je wirklich von ihm zu lösen. Ihr Spiel mit Distanz und Nähe, Erinnerung und Gegenwart ist ein deutlicher Hinweis auf diesen Zusammenhang als einen immer präsenten Beweggrund ihrer Kunst.
Das Thema der künstlerischen Bearbeitung von Stadt- und Landkarten ist ein durchgängiges bei Cristina Barroso. Seit vielen Jahren dienen ihr Karten neben der klassischen Leinwand als Bildträger, die sich durch ihre malerischen Eingriffe in Kunst-Landschaften im doppelten Sinne des Wortes verwandeln.
Diese künstlerische Leitidee impliziert eine besondere Spannung, die sich einerseits aus der Kunst des Kartographen, welcher den "Rohstoff" der Karte als Malgrundlage liefert, und dem künstlerischen Eingriff der Malerin andererseits nährt. Sie legt über die rein kartographische Struktur im freien Malakt eine künstlerische und bringt damit letztlich auch eine soziale Dimension ins Spiel. Der Plan für den Menschen wird zum menschlichen Bild.
Auch Zahl und Maßstab als tatsächliche und imaginäre Orientierungshilfen spielen hierbei natürlich eine große Rolle. So ist in einer großen, ovalen Wandmalerei Ohne Titel, ähnlich wie in den Star Tickets, eine Sternenkarte auf das Zentrum des aktuellen Ausstellungsortes Augsburg projiziert.
Dieses Aufeinandertreffen von Mikrokosmos und Makrokosmos ruft unwillkürlich die Idee des Universums als Unbegrenztheit hervor und fungiert im Bild als gedanklicher Auslöser jeder Bewegung, jedes Aufenthaltes, jedes Verweilens und Wiederfortbewegens: Die Enge der Stadt und ihrer zwangsläufig kleinteiligen Strukturen öffnet sich unter dem wandernden Blick des Betrachters, der die alles überspannende, himmelblaue Weite des Firmaments scheinbar ganzheitlich und grenzenlos wahrnehmen kann.
Links daneben ist in unmittelbarem Bezug ein anderes Bild mit dem Titel Orbit plaziert, das nur aus gemalten Zahlen besteht. Sie stellen Berechnungstabellen für Entfernungen und Umlaufbahnen von Sternen dar, die wiederum die Idee des Raumes an sich symbolisieren. Die räumliche Zuordnung beider Bilder läßt bei genauer Betrachtung eine lang geschwungene Kurve mitten durch die Tabellen des Zahlenbildes erkennen, die exakt an das Oval der ersten Arbeit anschließt, um dessen Schwung visuell zu erweitern.In alledem ist ein vielleicht nicht unbedingt neuer, doch jetzt noch stärkerer konzeptueller Impuls als zuvor erkennbar.
Dennoch bleibt Cristina Barrosos Kunst stets und wesentlich auch auf Augenlust ausgerichtet. Ihre Cubes und Boxes - zu kleinen Würfeln zusammengesetzte, übermalte Leinwände und Karten - thematisieren den Raum und dessen Wahrnehmung in Form dreidimensionaler Malkörper, stellen selber künstlich gebaute Räume im Raum dar. Daneben sind sie aber vor allem
auch intuitiv und farbsicher gemalte Bild-Objekte von entschiedener sinnlicher Qualität, die aus dem rein objektiven Definieren des Raumes auch ein bewußt ästhetisch motiviertes, malerisch-heiteres Spiel machen. Dessen Aufbau analytisch nachzuvollziehen ist von hohem Reiz.
Es zu sehen ein Genuß.
Thomas Elsen
Quellenhinweis:
Städtische Kunstsammlungen Augsburg
NEUE GALERIE IM HÖHMANN-HAUS
Leitender Museumsdirektor: Björn R. Kommer
Kurator:Thomas Elsen
Katalog und Ausstellung:Thomas Elsen, Cristina Barroso
Gestaltung: Felix Weinold, Schwabmünchen
Fotos aus diesem Katalog: Richie Müller, München, Kuhn & Ehrengruber, Neusäß
© Städtische Kunstsammlungen Augsburg, Cristina Barroso
ISBN 3-931718-09-3