mit freundlicher Genehmigung von Anton Riemerschmid GmbH & Ko KG, Erding.
(aus: Broschüre zur 100-Jahrfeier des Hauses Riemerschmid im Jahre 1985)

Anton Riemerschmid wurde in Burghausen an der Salzach geboren, seine Vorfahren waren an der alten Römerstraße in Grafing zu München Schmiede. Man kannte sie als die Römerschmiede, daraus abgeleitet wurde das Signet der Familie Riemerschmid.

Riemerschmid war Schönfärber, Spezialist im Färberhandwerk. Er trat 1835 in die Königlich Bayerische priveligierte Weingeist-, Spiritus-, Likör- und Essigfabrik "Tip & Bigl" als Teilhaber ein, die dann unter dem Namen "Tip, Bigl & Riemerschmid" firmierte. Sie hatte ihren Sitz in der Maximilianstraße, dem heutigen Platz der Münchner Kammerspiele. 1835 war das Jahr, in dem die erste Großbank Münchens, die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank öffnete.

Anton RiemerschmidAnton Riemerschmid. Bildnachweis

 

Anton Riemerschmid gehörte weit über die Stadtgrenze Münchens hinaus zu den ersten Fabrikanten, die – nach englischem Vorbild – für die Arbeiter Wohnraum schaffen. Er macht das nicht in der Form einer Siedlung, sondern faßt sie in der Art eines Mehrfamilienhauses entlang eines Mittelflures über den Fabrikationsräumen zusammen.

Spirituosen- und Likörfabriken bildeten in München einen weit verbreiteten Industriezweig: 1851 waren es allein 12 Weingeist-, 20 Brantwein- und 18 Rosoliofabriken. Die Familie Riemerschmid hatte sich nicht nur auf diesem Gebiet einen Namen gemacht. Hergestellt wurden in der Firma Riemerschmid über 20 verschiedene (alkoholische und nicht alkoholische) Getränke. Von besonderer Bedeutung war die Essigherstellung. Sie erforderte reinste Behältermaterialien – ausschließlich Holz – zur Herstellung und Lagerung sowie handwerkliches Können. (Quelle)

1837, als der unbekannter Maler Spitzweg sein Bild "Der arme Poet" im Kunstverein ausstellte und ob des Sujets auf Entrüstung stieß, wurde aus "Tip, Bigl & Riemerschmid" nach dem Weggang eines Partners die Firma "Bigl & Riemerschmid". Eine glanzvolle Zeit, eine Epoche, in der München unter König Ludwig I zur Zunftstadt erblühte. Die Ludwigstraße entstand, die Alte Pinakothek wurde errichtet, die Bavaria enthüllt, München begann zu leuchten.

1852 übernahm Anton Riemerschmid das Unternehmen als Alleininhaber. Es war jenes Jahr, in dem König Maximilian II unweit der Praterinsel das Maximilianeum, den heutigen Sitz des Bayerischen Landtags, und die Maximilianeum-Stiftung, errichtete.

1869 als Wagners "Rheingold" unter der Leitung des legendären Franz Wüllner uraufgeführt wurde, verlegte Riemerschmid die Fabrik auf die Praterinsel. Aus gutem Grund; denn dieser Platz war in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine ebenso bekannte wie beliebte altmünchner Vergnügungsstätte. Wie klein München damals war zeigt, daß die Praterinsel sich immer noch außerhalb der Münchener Stadttore befand.

1870, dem Gründungsjahr des Technischen Überwachungsvereins (TÜB), wurde die auf der Praterinsel neu erbaute Essigfabrik in Betrieb genommen. Sie erregte seinerzeit über die Fachwelt hinaus großes Interesse, sowohl wegen ihrer Größe als auch wegen des vom üblichen abweichenden Herstellungsverfahrens. Wissenschaftler kamen und partizipierten an den Erfolgen Riemerschmids. Der schon damals berühmte Chemiker Justus von Liebig führte hier auf der Praterinsel einige seiner Untersuchungen und Studien über die Tätigkeit der Essig-Bakterien durch. Auch Pettenkofer, der erste in Deutschland lehrende Professor für Hygiene, ist auf der Praterinsel seinen Studien nachgegangen.

München ist in der Zwischenzeit ein Platz für Künstler der Welt. Die Literatur, die Malerei, die Musik, die Schönen Künste haben an der Isar – und hier besonders in Schwabing – einen international bedeutenden Platz gefunden: Thomas Mann, Ricarda Huch, Paule Hehse, Stefan George, Max Halbe, Wedekind. Pocci und viele andere machten damals Literaturgeschichte. Unter den Malern sind Lenbach, Leibl, Marees, Kobell, Schwind, Kaulbach zu nennen. Richard Strauß wurde 1894 Münchens erster Hof-Kapellmeister.

Im Jahre 1905 kommt es zu einer wichtigen Entscheidung: das immer umfangreichere Unternehmen Riemerschmid wird aufgeteilt.

In diese Zeit fällt die Erbauung der Münchner Kammerspiele. Die Brüder Dr. Carl Riemerschmid und Professor Richard Riemerschmid gründen gemeinsam das damalige Schauspielhaus. Professor Richard Riemerschmid, Mitbegründer des Jugendstils, war der Architekt für dieses in München einmalige Jugenstils-Theater, während Bruder Carl auf eigenem Grundstück das Schauspielhaus mitfinanzierte. Dieses Familien-Theater wurde über lange Zeit von der Riemerschmid-Familie betrieben und ging in den Dreißiger Jahren an die Stadt München.

1911 – Im selben Jahr feierte das Deutsche Museum auf der benachbarten sogenannten "Kohlen-Insel" Richtfest.

Der erste Weltkrieg hat Riemerschmid leidlich verschont. 1919 herrschen in München dann unruhige Zustände. Schießerei im Landtag, Ermordung Kurt Eisners, der zuvor den Freistaat Bayern ausgerufen hatte.

Um den ungeheuren Geldmangel des Reiches zu entschärfen, wird das Reichsbranntwein-Monopol eingeführt. Die Steuer auf Alkohol vervielfacht sich. Liköre und Spirituosen werden Luxusgetränke. Dr. Robert Riemerschmid arbeitet an den Rezepturen und verbesserte sie für eine moderne Fabrikation von Markenartikeln.

1932 eröffnete das Gärtnerplatz-Theater sein neu erbautes Haus mit Lehars Operette "Schön ist die Welt" -- aber die Welt wurde nicht schöner und Münchens Glanz als Zunftstadt begann zu verblassen, woran auch das neu erbaute Haus der Deutschen Zunft nichts änderte.

Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise der 30er Jahren entwickelte sich die Firma bis zum Beginn des 2. Weltkrieges positiv. Während der ersten Kriegsjahre war das Unternehmen durch staatliche Lieferungen an die Wehrmacht und Zivilbevölkerung beschäftigt. Es bekam dafür feste Zuteilungen für Trink- alkohol. Später verursachten Luftangriffe schwere Schäden. Sämtliche Fenster und Dächer, ja sogar einige Gebäude wurden durch Bomben zerstört. Die einmarschierenden Besatzungstruppen plünderten die Keller restlos; ein trauriges Ende.

1945/46 beginnt Heinrich Riemerschmid mit dem Aufbau der zerstörten Farbrikanlagen, Beschaffung von Rohstoffen für die Essigfabrikation und für die Produktion eines pharmazeutischen Klostergeistes. Alkohol für Trinkzwecke war von der Besatzungsmacht verboten. Erst mit der Währungsreform 1948 gab es wieder Alkohol für Trinkzwecke, aber mit einer nie zuvor dagewesenen Steuer.

1963 ist München bereits eine Millionenstadt. Riemerschmid und die Praterinsel stehen für Marken wie "Escorial Grün", der erste systematisch beworbene Likör der Nachkriegszeit, der "Oberbayerischer Gebirgsenzian" aus der ältesten Enzianbrennerei Münchens oder die alkoholfreie Spezialtät "Sangrita".

1971, im Vorjahr der olympischen Spiele von München, übernimmt Heinrich Riemerschmid die Firma Donath, eine Fruchtsaft-Kelterei aus dem Jahre 1893, als Alleininhaber.

Vier Jahre später, 1975, Carl Orff wird Ehrenbürger der Stadt München, übernimmt die Firmengruppe Riemerschmid als weiteres Unternehmen die Wolfra-Kelterei, die im Jahre 1930 im bayerischen Wolfratshausen bei München gegründet worden war.

Verbunden durch gemeinsame Geschichte bleiben Riemerschmid und die Praterinsel im Bewußtsein nicht nur der Münchner, eine Einheit.

 

Geschichte 1810 - 1992
Baudokumentation der Denkmalpflege /
Riemerschmidsche Firmengeschichte